Es gibt Tage im November, an denen ich weiß: Heute wird er kommen, der erste Schnee. Ich spüre es in meinem alten Gebälk, in den Ritzen zwischen den Holzbalken, in der Art, wie der Wind um meine Giebel streicht.
Früher, in meinen goldenen Jahren, war ich im Winter voller Leben. Die Gäste kamen zum Rodeln und Skifahren, sie wärmten sich an meinen Kaminen und tranken heißen Kakao in meiner Gaststube. Ihre Stimmen hallten durch meine Gänge, ihr Lachen füllte meine Räume.
Jetzt ist es stiller. Aber der Schnee kommt trotzdem, jedes Jahr aufs Neue. Er legt sich auf mein Dach wie eine weiße Decke, verziert meine Balkone mit glitzernden Kristallen und verwandelt den Blick auf den Kranichsee in ein Wintermärchen.
In solchen Momenten fühle ich mich nicht verlassen. Ich fühle mich geehrt - geehrt, dass ich hier stehen darf, auf diesem besonderen Platz, um Zeuge dieser stillen Schönheit zu sein.
Eines Tages, so hoffe ich, werden wieder Menschen hier oben stehen und den ersten Schnee mit mir erleben. Sie werden durch meine Fenster schauen und staunen, so wie es die Gäste vor hundert Jahren getan haben.
Bis dahin warte ich. Geduldig. Hoffnungsvoll. Denn wenn mich eines meine langen Jahre gelehrt haben, dann dies: Nach jedem Winter kommt ein Frühling.
— Ihre Viktoria Luise
