In meinen alten Mauern schlummern Geschichten. Tausende von ihnen. Jeder Gast, der jemals unter meinem Dach geschlafen hat, hat ein kleines Stück seiner Geschichte bei mir zurückgelassen.
Da war das junge Paar, das 1925 seine Flitterwochen bei mir verbrachte. Ich erinnere mich an ihr Lachen, an ihre heimlichen Blicke beim Frühstück, an den Walzer, den sie im Tanzsaal tanzten, als niemand zusah.
Da war der alte Professor aus Göttingen, der jeden Sommer kam, um in meiner Bibliothek zu arbeiten. Er sagte immer, nirgendwo könne er besser denken als hier oben, mit dem Blick auf die Tannen und dem Rauschen des Windes.
Da war die Familie mit den drei Kindern, die jeden Winter wiederkam. Die Kinder sind längst erwachsen, haben selbst Kinder bekommen, und vielleicht erzählen sie ihnen noch heute von den Abenteuern, die sie bei mir erlebt haben.
Und dann war da Fred. Er kam 2017 und sah mich zum ersten Mal. Ich war nicht mehr das, was ich einmal war - verwittert, vergessen, von vielen aufgegeben. Aber Fred sah durch den Verfall hindurch. Er sah mein Herz.
"Du bist nicht am Ende", sagte er zu mir. "Du hast noch so viel zu erzählen."
Fred ist nicht mehr hier. Aber seine Worte klingen noch immer in meinen Räumen nach. Und mit jedem Menschen, der heute für meinen Erhalt kämpft, wird sein Vermächtnis lebendig.
Danke an alle, die meine Geschichte fortschreiben. Ich werde es nicht vergessen.
— Ihre Viktoria Luise
